Mittwoch, 6. Juni 2012

Muss frau sich wirklich rechtfertigen,

weil sie keinen Fernseher hat?


Es sind Zeugnisschreibferien. Durch meinen Kopf schwirren Gedanken, Formulierungen. Ich sitze am Schreibtisch. Tippe, verwerfe, überlege, tippe wieder... Ganz in Gedanken. Das Telefon klingelt. Ich hebe ab, melde mich mit:  "Frau SeltenArtig" - na ja, nicht wirklich ;-) Anrufer:  "Firma x, y, z", - dann wabert durch meinen Gehörgang und mein Hirn ein unverarbeitbarer Sprachbrei, aus dem ich nur das Wort "Sky" identifizieren kann. Ich hole Luft und suche eine Lücke in der Sprachattacke um den eigenen Satz loszuwerden: "Warten Sie. Sie können sich ihre vielen Worte sparen. Ich besitze gar keinen Fernseher."

Nun hatte ich erst recht eine Dauerlawine losgetreten. Dass ich nicht sofort wieder aufgelegt habe, lag wohl an meinem Zeugnis- umnebelten Hirn und der damit verbundenen herabgesetzten Reaktionszeit. Ich durfte mir vom Herrn am anderen Ende der Leitung anhören, dass man heutzutage nicht mehr ohne Fernseher leben könne, dass es eine Unverschämtheit und Verantwortungslosigkeit ist, Kinder ohne Fernseher aufwachsen zu lassen, weil sie damit jeden Tag in der Schule gnadenlos schwerste Mobbingschäden davon tragen,...  -  hier schaffte meine Hand dann endlich den Hörer aufzulegen.

Nach dem ich aufgelegt hatte, setzte dann mein Hirn wieder ein. So ist das ja manchmal.

Ja, um genauer zu sein, wir haben seit fast 18 Jahren keinen Fernseher mehr. Wir haben schon vorher immer seltener fern gesehen. Und nach einem Umzug in der neuen Wohnung einfach keinen Ort für den Fernseher gefunden. Die alte Couch war nicht mit umgezogen, eine neue gab es noch nicht und vom Fußboden aus oder auf Stühlen sitzend fern zu sehen wurde als unbequem gewertet. So wurde die neue Wohnung also ohne unseren zuvor zentralen Sammelpunkt Fernseher eingerichtet und dieser landete erst einmal in der Abstellkammer. Nach dem dann unsere persönliche Familien-Sitzplatzsuche nicht mehr nach dem zuvor trotzdem sehr gewohnten Schema Fernseher = Famliensammelstelle ablaufen konnte, vergaßen wir ihn wohl auch sehr schnell. Der Fernseher fristete dann noch ein Jahr sein Kammerdasein, ehe wir ihn ganz weggaben. Und plötzlich stellten wir fest, es gab doch in unserem Bekanntenkreis viele Menschen mit und ohne Kinder, die keinen Fernseher besaßen (und dabei nicht nur Waldorfs wie wir).
Und wir haben den Fernseher seit dem noch nicht wieder vermisst. Kurze Nutzungsmöglichkeiten während unserer Haustauschaktionen in den Sommerferien zeigten uns immer wieder, unsere Sehgewohnheiten passen so gar nicht zu dem Fernsehangebot.

Ich könnte natürlich die vielen Erkenntnisse aus der Hirnforschung zitieren und begründen, warum fernzusehen eben nicht gut ist. Ich könnte erklären, dass meine Kinder dank unserer Art zu leben und vor allem auch dank der Schule, in die sie gehen so viel Selbstbewusstsein entwickeln, dass die Nichtmöglichkeit das Fernsehprogramm des Vorabends in der Schule vor den Klassenkameraden wiederzugeben,  sie nicht in eine existenzielle Krise stürzt.

Es ist aber viel schlichter, irgendwie ist der Tag hier immer so kurz, dass gar keine Zeit zum Fernsehen da ist. Außerdem gibt es nach der langen Zeit hier gar keinen Ort mehr, an dem ein Fernseher seinen Platz finden könnte.Vielleicht ticken in Bullerbü und in unserer Außenstelle Bullerbü die Uhren einfach anders als beim Herrn Sky-Verkäufer. Vielleicht müsste sich der Herr Sky-Verkäufer mal eine Folge von Bullerbü anschauen, um zu merken, dass es so viel für jeden Tag zu entdecken, zu lachen, zu spielen, zu singen, zu werkeln, zu musizieren, zu malen, zu lesen, zu streiten und wieder zu vertragen, .... gibt, dass selbst das Schauen einer ausgewählten DVD hier Seltenheitswert hat. Was aber schon einmal vorkommen kann, um so älter die Kinder jetzt werden. Vor allem die Astrid Lindgren Verfilmungen  haben es unseren Kindern angetan, nach dem wir die Bücher nun schon viele Male gelesen haben.

Na ja, vielleicht war ich für den armen Herrn Verkäufer heute auch nur der 100. potentielle Kunde, der keinen Fernseher besaß oder er hat selbst so sehr gelitten, weil er in der der Schule selbst nie mitreden konnte,..


Kommentare:

  1. Wir haben auch keinen, was in Amerika wohl noch "verrückter" ist. Unsere Kinder haben auch kein Handy, was hier zur normalen Kinderausstattung gehört. Allerdings benutzen wir den Computer, der sich zur Suche von Bildern in der Kunst und Erdkunde für die Älteren als sehr hilfreich erweist. Doch auch hier sitzt kein Kind (und auch kein Erwachsener) stundenweise davor.

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  2. Liebe Nula, es ist erstaunlich, ja aber Leben ohne Fernsehen geht, ich kann Dich gut verstehen. Wir haben inzwischen wieder einen, wurde einfach "notwendig" durch irgendeine Fußball WM. Ca 5 Jahre hatten wir keinen, und er wurde nicht vermißt. Aber er wird bewußter genutz alsvorher (von uns Eltern). Da es soviel anderes Interessantes gibt und ich begeisterte Radiohörerin bin gucke ich inzwischen vielleicht ein zweimal die Woche. Unser Sohn (17) Waldorfschüler ist allerdings jemand der sich ein Leben ohne Fernsehen nicht vorstellen kann, bin gespannt wie das später bei ihm sein wird.

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  3. Liebe Nula,
    ich bewundere Dich, dass Du gar keinen Fernseher hast. Das würde ich nicht hinbekommen. Aber: Bei uns ist der Fernseher nur ein befingter Zeitvertreib. Erst rausgehen, erst toben, erst spielen, erst kuscheln und das genießen. Dann kann man, wenn noch Zeit bleibt, über die Glotze nachdenken.
    Damit sind wir schon sowas von out und werden angefeindet. Unsere Kinder kennen alle kein Superstar-Mist und all den anderen hirnlosen Quatsch. Und wir leben trotzdem noch und das sogar recht gut.
    Also, bleibe standhaft und macht Euch ein tolles Wochenende. Liebe Grüße Kirsten

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  4. hallo Nula,
    wir haben auch keinen .... ich wundere mich immer wenn ein Wohnraum nach einem Fernseher ausgerichtet ist .... alle energetische Aufmerksamkeit fliesst im Raum dann zum Kasten hin .... und die Kisten sind noch dazu so unschön ....
    ich finde miteinander leben ist viel schöner .... und schafft mehr Raum für eigenes .... :)
    liebe Grüsse aus Frankfurt
    von Simone

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  5. Da kann ich Dir nur gratulieren. Und ich könnte mir ein Leben ohne dieses Gerät auch gut vorstellen. Immer, wenn wir im Urlaub sind, gibt es bei uns dann auch diese wunderbare, fernsehfreie Zeit. Zwar nicht lange, aber eben doch immer wieder.
    Du hast einen schönen Block!
    GlG
    Barbara

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