Mittwoch, 19. April 2017

Erreichbarkeit

Ich bin ein Fossil oder vielleicht besser gesagt ein Quastenflosser. Also, um ganz genau zu sein, ich bin ein handyloser Mensch. Ich nenne nicht einmal ein vorsintflutliches Tastenhandy mein eigen. Immer wieder wollen mich Menschen davon überzeugen, dass ein Handy lebensnotwendig ist. Aber bisher haben mich immer noch alle erreicht, die mich erreichen mussten. Ich habe keine Freunde verloren oder konnte mein Leben nicht mehr aufrecht erhalten. (Um ehrlich zu sein, Auslandsüberweisungen gehen bei unserer Bank nur noch mit einer Handy-App, aber die lässt sich auf dem Smartphone meines Mannes nicht installieren, lach...da brauchte es dann für eine einmalige Überweisung in die Schweiz das neuere Smartphone der großen Tochter.)

Ich weiß aber, wo öffentliche Telefone sind und bisher haben die immer tadellos funktioniert, wenn ich mal eines gebraucht habe. Will ich aber jemanden mit Handy erreichen, wird das Erreichen zum Glücksspiel. Und hat jemand versprochen, sich zu melden, gibt es oft doch einen Grund, warum er sich nicht gemeldet hat. Da war dann der Akku leer. Es gab keinen Empfang. Es war kein Geld mehr auf dem Handy. Das Handy steckte wahlweise im Rucksack oder der Jacke und die hatte der Handybesitzer nicht direkt bei sich. Das Handy lag auf dem Schreibtisch zu Hause. Das Handy hatte sich aufgehängt oder vielleicht gar den Geist aufgegeben. Derjenige, mit dem ich telefonieren wollte, hatte inzwischen eine neue Nummer. Oder auch gut, derjenige, den wir anrufen sollten, damit er uns vom Nachtzug abholt, war neben seinem Handy eingeschlafen und hörte das Klingeln nicht....

Ich hatte früher wirklich ein bisschen gedacht, dass der Handybesitz der Kinder ein kleines Stückchen "Sicherheitsleine" entstehen lassen würde, Aber von der Idee habe ich mich gründlich verabschiedet nachdem die große Tochter nach einer Theateraufführung unerreichbar war. Die Krönung gab es zum Thema Erreichbarkeit am Ostersonntag.

Nach einem ausführlichen Brunch begaben sich die Kinder mit einer guten Freundin von uns auf eine Spritztour mit ihrem tollen Oldtimer, denn sie waren da noch nie mitgefahren. "Nur schnell tanken und dann eine kleine Runde." Das war die Ansage. "In einer halben Stunde sind wir wieder da."

Die halbe Stunde ging vorüber, aber niemand kam hier wieder an...eine Stunde...75 Minuten....1 1/2 Stunden...und mein Mann war noch unruhiger als ich, schnappte sein Handy und rief die große Tochter an. Er landete auf der Mailbox. Er rief den jüngsten Sohn an. Er landete auf der Mailbox. Er rief unsere Freundin an und landete auf der Mailbox. Das Spiel wiederholte er noch ein paar Mal, während ich beschloss, positiv zu denken und davon auszugehen, dass die Unerreichbarkeit einen einfachen Grund hat und alle vier wieder wohlbehalten nach Hause kommen würden.

Sie kamen dann auch nach über zwei Stunden fröhlich hier an, nach einer wundervollen Spritztour, bei der sie viel Spaß hatten und Söhnlein viele schöne Fotos geschossen hatte und verstanden unseren aufgelösten Zustand überhaupt nicht.

Töchterlein hatte ihr neues, am Tag zuvor mit viel Aufregung erwartetes, selbst gekauftes Iphone zu Hause gelassen. (Ähm, konnte sie da beinahe nicht pünktlich zum Essen kommen, wegen dem neuen Teil???). Söhnlein hatte sein Handy...na, richtig, ...nicht eingeschalten. Und unsere Freundin hatte inzwischen eine neue Nummer, von der wir noch nichts wussten, weil ich ja immer auf dem Festnetz anrufe. O-Ton der Jüngsten: "Wenn ich ein Handy hätte, wäre ich rangegangen." - Nein, das glaube ich inzwischen einfach nicht mehr.

Aber ich kann verstehen, dass man die Zeit vergisst, wenn man eine Zeitreise macht. Als die "motorischen Quastenflosser" modern waren, hätte man sich bei der Beschreibung unseres heutigen Bedürfnisses ständig und überall erreichbar sein zu wollen, wohl an den Kopf gefasst.

















Ich habe jedenfalls beschlossen, weiter zu vertrauen, dass ich immer dann erreichbar bin, wenn mich jemand wirklich erreichen muss und die Menschen, die ich erreichen möchte, auch zu erreichen...auf dem Weg, der gerade richtig ist.

Liebe Grüße

Nula

Kommentare:

  1. Eine schöne Geschichte. Ich übernehme hier den Part deiner Kinder, meine Mutter und mein Sohn beschweren sich immer "du gehst nie an dein Handy".
    Trotzdem möchte ich es nicht missen, es gibt mir Sicherheit, weil es im Notfall vielleicht hilft. Mein Sohn muss an sein Handy gehen, sonst ist schnell Schluss mit den Freiheiten - das weiß er. Eigentlich ist mein Handy ein Fotoapparat mit der Möglichkeit zum Telefonieren :-)
    Liebe Grüße und fein, dass du wieder hier bist.

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    1. Liebe Gretel,
      der Fotoapparat mit der Möglichkeit zum Telefonieren, das ist natürlich ein Argument. ;-)
      Liebe Grüße
      Nula

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  2. Liebe Nula, ich kann es total gut nachvollziehen, daß Menschen nicht dauerereichbar sein wollen. Ich persönlich möchte auf das Handy nicht verzichten, hat es mir in einigen Notlagen schon gute Dienste erwiesen, wo ich mich mitten in der Nacht in der Pampa wieder fand ohne eine Menschenseele oder Telefon weit und breit. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie das hätte ausgehen können, ohne die Möglichkeit Hilfe rufen zu können. Liebe Grüße

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    1. Liebe Papatyam,
      ich finde die Erfindung auch grundsätzlich nicht schlecht. Staune aber manchmal, dass es in meinen Kindertagen ganz ohne Telefon ging. Und irgendwie war ich echt noch nie in einer Situation, wo ich dachte, jetzt brauche ich ein Handy. (Ich fahre aber auch nur mit, wenn ich Auto fahre.)

      Liebe Grüße
      Nula

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  3. Liebe Nula,

    ich lebe auch ohne Handy.
    Und es geht; denn ich lebe noch.

    Ich habe auch kein Telefon.
    Telefonisch bin ich im Notfall durch Hausbewohner zu erreichen.
    Zum Telefonieren benutze ich Telefonzellen.

    So lebe ich besser.

    Sonnige Grüße
    Elisabeth

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    1. Liebe Elisabeth,
      das verstehe ich gut.

      Herzliche Grüße zurück
      und ein ganzen Bündel Sonnenstrahlen,
      obwohl es hier recht kalt ist,
      ist es doch wunderschön sonnig.

      Nula

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  4. ...sehr bedenkenswert, deine Gedanken zur Erreichbarkeit...man gewöhnt sich so schnell daran, aber muß das wirklich sein?...ehrlich froh bin ich, dass es in meiner Jugend noch keine Handys gab, wir hatten zu Hause nicht mal Telefon, diese Freiheiten, die ich da hatte...
    danke für deinen Kommentar, der mich zu deinem Blog geführt hat...ja, der Schwarzwald ist bei jedem Wetter schön und ich genieße es, nach ein paar Schritten im Wald sein zu können und Ruhe zu haben,

    einen guten Tag wünscht dir
    Birgitt

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    1. Ich fand das Leben ohne Telefon in meiner Kindheit und Jugend auch toll. Ich neige ja wenig zur Kontrolle, hatte da aber eine andere Kindheit, sodass ich wohl doppelt froh sein muss.

      Liebe Grüße
      Nula

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  5. Ich hab im Auto ein Uralt-Nokia (von meinem Papa geerbt...), mit dem man nur telefonieren kann und sonst gar nichts. Zur Sicherheit. Ich mag so ein Teil nicht ständig mit mir herumtragen, schon gar nicht eingeschaltet. Und das Gefühl, die Kinder an einer Art Sicherheitsleine zu haben, verkehrt sich schnell ins krasse Gegenteil, wenn die sonst immer Erreichbaren plötzlich stundenlang unerreichbar sind (so wie es euch passiert ist). Man macht sich dann viel mehr Sorgen, als wenn es diese Illusion der Dauererreichbarkeit nicht gäbe und man - wie früher - eben abwarten müsste.
    Was ich aber am allerwenigsten leiden kann, ist dieses ständige "Bsss", wenn wieder eine WhatsApp-Nachricht eingegangen ist. Manchmal im Minutentakt. Schrecklich!
    (Wobei mir klar ist, dass ich es mit 14 wohl auch toll gefunden hätte...) :-)
    Liebe Grüße,
    Brigitte

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    1. Liebe Brigitte,
      ertappt - ich fahre nicht selbst Auto, sonst hätte ich wohl auch so ein uraltes Teil im Handschuhfach, dass dann prompt nicht funktionieren würde, wenn ich es denn je bräuchte.

      Das häusliche Familienleben ist hier wirklich zum Glück handyfrei. Die Jüngste hat noch keins, sie wäre da am affinsten und die beiden anderen benutzen es nur in ihren Zimmern.

      Ja, das ist so, wenn man denjenigen nicht erreicht, ist man schnell im Panikmodus. Als die Große in Tansania war, hatten wir ausgemacht, dass ich mich über jede Nachricht freue, aber keine Nachricht grundsätzlich eine gute ist. So entfiel das ständige Sorgen.

      Liebe Grüße
      Nula

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  6. Liebe Nula,
    ich habe wirklich nur ein ganz einfaches, uraltes Handy. Das
    benötige ich nur, wenn ich auswärts bin und evtl. ein Taxi rufen muss. Aber ansonsten bin ich über das Festnetz zu erreichen.
    Ich finde es einfach fürchterlich, wenn überall diese Dinger rausgeholt werden, es überall klingelt - sogar in der Kirche.
    Und die ewigen Mitteilungen müssen ja auch nicht sein. Ich tue es dir gleich und werde mir kein modernes "Ding" anschaffen.
    Auch wenn man damit schöne Fotos machen könnte.
    Einen angenehmen Wochenteiler wünscht dir
    Irmi

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    1. Liebe Irmi,
      genau so geht es mir auch. Schöne Fotos gehen ja zum Glück auch noch anders.

      Liebe Grüße
      Nula

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  7. Liebe Nula,
    ich bin sehr froh, dass es in meiner Jugendzeit keine Handys gab. Es gab aber auch zu der Zeit viel mehr Telefonzellen und die Zeit hat sich geändert. Der Fortschritt lässt sich leider oder Gott sei Dank nicht aufhalten. Ich bin jedenfalls immer heilfroh wenn meine Kinder unterwegs sind und ich Rückmeldungen von ihnen erhalte. Aber das soll und muss ein jeder einzelne für sich selbst entscheiden!
    Herzliche Grüße und danke für diesen schönen Post und die Denkanregung!
    Karen

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    1. Liebe Karen,
      irgendwie ticken meine Kinder nach dem Motto, wenn wir unterwegs sind, sind wir unterwegs. Von alleine würden sie sich nie melden oder der jüngere Sohn schon, um noch einen weiteren Tag bei Freunden auszuhandeln - natürlich erst, wenn kein Bus mehr fährt. (Ich bin aber, weil ich eben selbst kein Handy habe und mich folglich auch nur im Notfall melde, noch nie auf die Idee gekommen, das regelmäßige Melden einzufordern.)

      Liebe Grüße
      und ich freue mich, dass du jetzt bei mir mitliest

      Nula

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  8. hallo Nula, klasse, dass Du das durchziehst :-)
    Aber Deine Unruhe kann ich gut nachvollziehen! Gut, dass sie einfach ihren Spaß hatten und das Handy entsprechend auch nicht abgelenkt hat von diesem tollen Ausflug. Liebe Grüße schick ich Dir

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    1. Stimmt und ich habe mal wieder gelernt, auf meine innere Stimme zu hören. Mir war ja eigentlich klar, dass alles gut war.

      Liebe Grüße
      Nula

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  9. Hallo, Nula, da bin ich! Schön und übersichtlich sieht es in deinem Blog aus.
    Und was das Handy betrifft: Nun, ich gehöre eindeutig zur Noch-nicht-Handy-Generation und habe lediglich ein uraltes, so gut wie nie eingeschaltetes Tastending für Notfälle in der Handtasche. Ansonsten bin ich übers Netz zu erreichen, was meiner Meinung nach vollkommen genügt.

    Liebe Bloggrüsse zu dir,
    Brigitte

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    1. Liebe Brigitte,
      schön, dass du hergefunden hast! Ich bin so grundsätzlich schon manchmal ziemlich chaotisch ;-) deshalb mag ich es hier auf dem Blog schön übersichtlich, stimmt.

      Liebe Grüße
      Nula

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  10. Liebe Nula,
    ich habe Deinen Blog bei Irmi entdeckt und Deinen Artikel mit Interesse gelesen. Ich bin zwar Besitzer eines einigermaßen modernen Schlaufons, aber das Thema Erreichbarkeit kenne ich von meinen Kindern nur allzu gut. Wenn wirklich was ist, ist niemand zu erreichen, bei mir ist das aber fast genau so, denn ich nehme mein Handy fast nie mit.
    Ich wünsche Dir einen schönen Donnerstag.

    Viele liebe Grüße
    Wolfgang

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    1. Lieber Wolfgang,
      herzlichen Dank für Deinen liebe Gruß hier.
      Ich freue mich über Deinen Kommentar, habe ich doch so auch gleich Deinen Blog entdeckt. Ein tolles Haus habt ihr! Stimmt, Fachwerk muss man lieben!

      Liebe Grüße
      Nula

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  11. Da hat der Benzosaurier über die moderne Technik triumphiert und die Ausflügler ins Land des Vergessens getragen … ist aber auch ein tolles Exemplar!
    Herzliche Grüße von Petra

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    1. Benzosaurier, was für ein tolles Wort, liebe Petra. Das gefällt mir und ich werde es demnächst an die Benzosaurier Eigentümerin weiter reichen.

      Liebe Grüße
      Nula

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  12. Hallo Nula, wie lange hörten wir nichts mehr voneinander? Ich weiß es nicht und letztendlich spielt es auch keine so große Rolle. Meine Freude ist ehrlich gesagt sehr groß gewesen, wieder von dir zu hören und den verlorenen Faden wieder aufnehmen zu können. Sogleich begebe ich mich auf Spurensuche in deinen neuen Beiträgen. Wie du es bemerkt haben wirst, ist der Grasgefluester blog kaum noch aktiv. Dafür findest du immer mal wieder etwas im egbert's Fahrrad-blog und in meinem egbert's Fenster-blog . Also sei wieder herzlich willkommen, tritt ein, schau rein, fahr mit mir ein Stück auf dem Rad und freue dich selbst auf meine Gegenbesuche.

    herzliche Grüße an dich,
    egbert

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    1. Lieber Egbert,

      herzlichen dank für Deinen lieben Gruß hier und Gegenbesuche gibt es jetzt natürlich auch wieder.

      Liebe Grüße
      Nula

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  13. Ich freu mich so wieder von Dir zu lesen ....
    ja, ich hab Dich vermisst
    Ach ja, die Handys .... ich habe eines "verordnet" bekommen von den Kindern, aber .... eigentlich liegt es immer irgendwo.
    Ich versteh Dich gut, und Euer Erlebnis wäre ohne diese Handys gar nicht so geworden, so schlimm .....
    liebe Grüsse
    Elisabeth

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    1. Liebe Elisabeth,
      danke für deine lieben Worte... ja, ohne Handy und die Vorstellung der Erreichbarkeit wären wir gar nicht so aufgelöst gewesen. Na ja, ich habe ja grundsätzlich schon ein Vertrauen ins Leben und in die Kräfte, die größer sind als wir. So halte ich es einfach weiter auf die altbewährte Art und weiß, wenn sie mal wieder nicht erreichbar sind, wird es schon einen Grund haben, der keine Panik begründet.

      Liebe Grüße
      Nula

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  14. Ich habe mein handy immer dabei, angerufen werde ich kaum-die WhatsApp sind da schneller. Eine schöne Geschichte erzählst du uns, ich bin bei meinen < Kindern< aus dem Thema heraus- sie sorgen sich selbst um ihre Kinder
    Das scheint auch nicht immer zu funktionieren ::))
    Gruß zu dir
    heiDE

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    1. Liebe Heide,
      tja, das Funktionieren ist so eine Sache... ;-)
      und Eltern werden sich wohl immer um ihre Kinder sorgen,
      warum soll es uns besser gehen als unseren Eltern.
      Nur die äußere Form ändert sich immer wieder und wer hätte Freude an der totalen Kontrolle?!

      Liebe Grüße
      Nula

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  15. Ich bewundere dich, dass du da ruhig bleiben konntest. Bei mir hätte sich das Gedankenkarusell so schnell gedreht, dass mir schlecht geworden wäre und zwar auch wirklich körperlich.
    Gut dass es nur so banale Menschlichkeiten waren, die die Kinder unerreichbar sein ließen.
    Alles Liebe Babsy

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