Montag, 24. April 2017

Hochglanz, Perfektion und die geschönte Wahrheit


oder warum es gut ist, dass nicht immer alles gelingt
und wie gut es wäre, wenn das öfter gezeigt würde.


Es ist wohl sehr menschlich, dass es einen Hang zum großen Gelingen gibt. auch wenn wir wohl alle wissen und bereits als Kind vermittelt bekommen haben, dass der Mensch aus Fehlern lernt. Das Tolle, das Gelungene, das Vorzeigbare wird gezeigt, erhält Würdigung und Beifall. (Oder aber, eine mir fremde Geste, am Misslingen wird sich ergötzt. So erhält manch ein Pleiten, Pech und Pannen Video so viel Aufmerksamkeit, dass ich merkwürdig berührt bin.)

Um so wohltuender für mich, in so manchem Blog von den kleinen Alltäglichekeiten zu lesen, die oft gelingen, aber manchmal eben auch nicht, vom Ringen, von den Fragen an die Welt oder auch von manchem DIY-Projekt, das daneben ging oder erst im gefühlten 783. Anlauf gelang bzw. von den Zwischenschritten, Kniffen, Improvistionen, die es brauchte bis etwas vorzeigbar im Sinnde des großen Gelingens wurde. Und wie hilfreich wäre es, wenn für die Nacharbeiterinnen, -bäckerinnen, -köchinnen, -bastlerinnen, die Fallstricke und Fußangeln manch einer Sache am Anfang sichtbar wären.

Das jüngste Töchterlein lässt sich noch sehr von der Hochglanzwelt mancher Blogger und Youtuber beeindrucken. Da sind natürlich Krisen vorprogrammiert, wenn die eigenen Projekte nicht sofort gelingen. Als Achtklassarbeit, ein großes Prokjekt in der Waldorfschule, hat sie sich vorgenommen, ein Koch- und Backbuch anzufertigen, dafür viel zu kochen und zu backen und natürlich auch zu fotografieren. Nun wird natürlich viel ausprobiert. So wollte sie uns am Ostermontag mit einer Buttercreme-Fondant-Torte überraschen. Nachdem der Mandelbisquitboden in der Mitte höher als am Rand war, war sie das erste Mal enttäuscht. (Ich habe es noch nie!!! geschafft, einen Tortenboden zu backen, der ganz gleichmäßig hoch war und so konnte ich ihrer Verzeiflung mit dem Rat, den Tortenboden entsprechend zu beschneiden, Einhalt gebieten.) Sie aber kannte dies aus entsprechenden Backvideos. Dann riss ihr Tortenbodenschneider. Was für lustige Gerätschaften sie sich angeschafft hat!  (Ich habe früher einfach einen Bindfaden benutzt.) Dann entdeckte sie, dass ihr die rohen Eigelb an der Buttercreme suspekt waren. (Mir auch.) Nur, alle anderen Buttercremerezepte setzten Puddingpulver voraus. Das war hier nur noch in der Variante Karamell vorhanden. (Wie gut, dass unsere Schwiegertochter ihr von ihren Erfahrungen mit Pudding aus Mehl gekocht berichten konnte.) Nun hätte natürlich der Rest perfekt laufen können, wenn es da nicht den Fondant gegeben hätte, der trotz feiner Mehlschicht nach dem Ausrollen gnadenlos an der Tischplatte kleben blieb. (Wie gut, dass es einen Papa gibt, der das wütende und verzeifelte Töchterlein dann in den Arm nimmt, den Fondant wieder abspachtelt und Mut macht, es noch einmal zu versuchen. Und eine Mama, die schnell noch ein Backpapier vor dem nächsten Ausrollen unterschiebt.) Und wie gut, wenn man dabei ein bisschen an der Perfektionismusvorstellung der Tochter rütteln kann.

Die Torte war jedenfalls herrlich ungesund süß und entsprechend lecker, man sah ihr das Drama ihrer Entstehung nicht mehr an, Das hielt sie gut unter der dann in Dreier-Teamwork doch noch gelungenen Fondantschicht verborgen. Ich hätte jetzt hier auch nur schreiben und zeigen können, was für eine herrliche Torte das jüngste Töchterlein gebacken hat. Hat sie auch:


Aber vielleicht helfen meine Worte ja weiter, wenn jemand von euch am liebsten den Kuchenteig an die Wand werfen möchte und sich nur wegen den dann notwendigen Malerarbeiten zurückhalten kann oder wenn jemand kurz davor ist, den Wollfaden durchzubeißen, an dem sie gerade strickt.

Liebe Grüße
Nula

Kommentare:

  1. Unperfektes mit einer Prise Humor und/oder Selbstironie,- gibt es in dieser Lage etwas, das mehr Mitgefühl weckt? Es ist eine Seite des Menschen, die den Teamgeist weckt und das Miteinander fördert und sei uns nur schriftlicher Form in der Kommentarfunktion. Dauernd perfekt Inszeniertes erzeugt bei mir leicht Langeweile.
    Wertvolle Gedanken, liebe Nula!

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  2. Liebe Nula, wie recht du hast mit dem, was Du schreibst. Ich habe schon häufiger auf meiner Seite kundgetan, daß Perfektion mich eher abtörnt, als anregt. Aber selten steht jemand dazu. Ich habe letztens nicht schlecht gestaunt, als sich nach und nach einige Frauen bei Instagram "trauten", sich ohne Make-Up zu zeigen und einen Tag lang so auf den Straßen zu bewegen. Und ich dachte nur bei mir: sieh mal einer an! Ich dachte nur: ist das so Besonders geworden, ohne geschminkt zu sein, auf die Straße zu gehen? Wo bleibt das Selbstbewußtsein, wenn die Schminke weg ist?? Muß heutzutage alles nur noch "schön" sein, ohne jeglichen Makel, ohne irgendeine Schwäche, alles einer Norm entsprechen?? Komisch ist diese Welt manchmal... Liebe Grüße

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  3. Ach Nula, du Liebe,
    ich habe wirklich laut gelacht. Aber es ist ja wirklich noch kein Meister vom Himmel gefallen. Ich hätte gern ein Stückchen von der köstlichen Torte genossen.
    Einen wunderschönen Abend wünscht dir
    Irmi

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  4. ...perfekt ist doch einfach nur langweilig, liebe Nula,
    im über Umwege gelingen liegt das Abenteuer, welches das Leben lebendig und unterhaltsam macht...schön unterhaltsam hast du das auch wieder aufgeschrieben,

    liebe Grüße Birgitt

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  5. Ach, ist das schön, auch mal die Unzulänglichkeiten hinter dem Hochglanz mitgeteilt zu bekommen.
    Tja, die Welt ist nun mal nicht perfekt und das Gelingen hat immer auch sein Scheitern mit im Programm. :-)
    Herzliche Grüsse,
    Brigitte

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  6. Oh - dieser Torte sieht man ihren Werdegang wirklich nicht an. Großartig ist sie geworden!
    Wir haben ja Ostern auch viel gebacken und meine Tochter ist derzeit auch gerade im Backfieber. Natürlich hat sie sich auch Videos dazu angesehen. Ich habe aber gleich gesagt, dass ich so was nicht mache. Ich bin eher der Improvisationstyp! So haben wir uns Anregungen geholt, aber dann unsere eigenen Füllungen gemacht. Buttercreme hatte ich vorher noch nie gemacht, ich habe einfach Butter mit Puderzucker und dunklem Kakao verrührt - ist prima geworden :-)
    Liebe Grüße - auch an deine begabte Tochter

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  7. Ich liebe das Unperfekte und das Chaos (besonders in der Küche.. grins.. aber ich vermute, dass muss ich auch sagen, denn einen perfekter Kuchen habe ich noch nie gebacken). Die Torte Deiner Tochter ist einfach wunderschön geworden. Viel zu schade um sie anzuschneiden. Wie gut, dass Du sie hier im Blog festgehalten hast. Ganz liebe Grüße, Nicole

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  8. Welch herrliche Geschichte hast du da im Post festgehalten! Und was seid ihr für eine tolle Familienbande! Jeder bringt sich mit seinen Fähigkeiten/Fertigkeiten ein, damit die Torte gelingt. Das Mädchen hat vielleicht ein Glück...
    LG
    Astrid

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  9. Köstlich - in jeder Hinsicht!
    Und hinter der schönen-heilen-perfekten Youtube-Fassade wird sicher auch so mancher Teig an die Wand geschmissen ...
    ;)
    Ganz liebe Grüße
    Christiane

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